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05.09.2017
Erschienen in: 08/2017  aerokurier

Tipps zum Überleben (Teil 3)Lärm, Abwind und Gischt wie bei einer echten Heli-Bergung

Die Laboratmosphäre ist aber Sekunden später Makulatur: Die Wellen setzen ein, und über uns dröhnt der Rotor eines imaginären Hubschraubers. Kommunikation funktioniert jetzt nur noch brüllenderweise. Das Licht geht aus, ein Suchscheinwerfer durchschneidet das Dunkel. Gischt spritzt mir ins Gesicht, und ich habe Mühe, den Kameraden vor mir zu stützen, während jener einen anderen fürs Winschen vorbereitet.

Zeit zum Durchatmen bleibt kaum. Raus aus der offenen Rettungsinsel, durchs raue Wasser schwimmen und reinklettern in die geschlossene Insel. Leichter gesagt als getan. Im Überlebensanzug zu schwimmen kostet Kraft, und an der Insel angekommen, verfehle ich mehrmals die Trittschlaufe. Zwei, die es schon geschafft haben, packen mich unter den Armen und zerren mich hoch. Kopfüber rolle ich zwischen die anderen ins Innere.

Draußen wird es wieder dunkel, nur die Notlichter an den Rettungswesten blinken. „Raus aus der Insel und in Paaren rückwärts zur Rettungsleiter schwimmen“, tönt es. Noch „an Bord“ tauschen Gaby und ich die Halteleinen an unseren Rettungswesten aus und schwimmen dann gemeinsam los. „Enger zusammen bleiben“, brüllt Holger durch den Lärm der Ventilatoren. Zusammenbleiben ist auch beim Schwimmen in der Gruppe das A und O – deswegen folgt eine Art Wasserballett. Wir bilden einen Kreis und haken uns an den Ellenbogen ein. „Um auf euch aufmerksam zu machen, fasst ihr euch an den Händen, erweitert den Kreis und strampelt mit den Beinen“, instruiert uns unser Trainer. Das aufgewühlte Wasser sei für eine Helikop-tercrew besser zu erkennen. Wir trainieren auch das Schwimmen in großen Gruppen. Heißt: eine Reihe bilden, den Vordermann an der Hüfte mit den Beinen umklammern und mit den Armen paddeln. Das funktioniert wirklich!

Mittagspause. Zwischenauswertung. Runterkommen vor dem großen Finale: HUET – Helicopter Underwater Escape Training. Während des ganzen Vormittags hat wohl jeder von uns einmal auf den Kabinen-Dummy am Kran geschielt und sich ausgemalt, wie es ist, darin fest angeschnallt auf Tauchstation zu gehen. Bei den ersten Durchgängen bin ich nur Zuschauer, aber das reicht zunächst völlig. Gluckernd versinkt der Käfig immer wieder im Becken, kurz darauf brechen die Probanden prustend durch die Wasseroberfläche.

Angst wird zu Panik, Panik wird zu Fehlern

Mein erstes „Unterwasser-Deboarding“ verläuft reichlich chaotisch. Was war bei welchem Kommando noch mal zu tun? Wenn die Handgriffe nicht sitzen, wird aus Angst Panik, und die lähmt das Denken und Handeln. Auch mein Nachbar macht Fehler, und ein Taucher an Bord korrigiert uns. Das Aussteigen gelingt irgendwie, aber zufrieden bin ich nicht.

Manöverkritik – und Motivation, es beim nächsten Mal einfach besser zu machen. Und verdammt noch mal Ruhe zu bewahren. „Einsteigen und anschnallen!“, schallt Holgers Kommando durch die Halle. Also wieder in den Käfig und die Gurte anratschen bis der Saft kommt. Der Instruktor brüllt: „Brace, brace, brace!“ – das Kommando, die Schutzhaltung einzunehmen. Meine linke Hand geht zum Sitz, Affengriff. Das heißt, der Daumen bleibt auf derselben Seite wie die anderen Finger, so kann man ihn sich bei einem plötzlichen Schlag nicht auskugeln. Der rechte Unterarm geht zum Schutz vor das Gesicht. Die Füße stemme ich vor dem Sitz auf den Boden. Sie darunter zu klemmen ist gefährlich, da Flugzeugsitze durch Einknicken Aufprall-energie absorbieren.

„Impact!“, schallt es, und das Wasser rauscht herein. „Atemschutz!“ Meine rechte Hand wandert zum Türgriff, während ich mit der linken die Notluftflasche aus der Rettungsweste zerre, das Ventil kurz fauchen lasse und auf das Mundstück beiße. Die Nasenklammer komplettiert die Vorbereitung. Ich reiße schwungvoll den Hebel nach vorn und hämmere gegen die Tür, bis sie aufs Wasser klatscht. Hand in den Türrahmen, das ist der Kontakt nach draußen. Und – natürlich – der Affengriff. Die Kabine sinkt tiefer, und es dauert einen Moment, bis ich realisiere, dass ich unter Wasser atmen kann. Der Auftrieb des Überlebensanzugs ist deutlich zu spüren. Endlich kommt der Schlag aufs Knie – das Kommando zum Ausstieg. Linke Hand von der Flasche zum Gurt, Schloss auf, Drehung und in Rückenlage ausschwimmen. Geschafft!

Runde drei ist so was wie die „Abschluss-prüfung“. Jetzt werden die Türen erst unter Wasser geöffnet – gegen den Druck. „Brace, brace, brace!“ Schutzhaltung, Hand am Sitz. „Impact!“ Es rauscht und gurgelt. „Atemschutz!“ Die Handgriffe sitzen. Meine Nasenspitze schneidet unter. Ruhig atmen. Erster Schlag aufs Knie – die Türen auf! Ich stoße den Türgriff nach vorn und hämmere gegen die Scheibe. Spätestens jetzt wird dem letzten Skeptiker klar, warum man so lange angeschnallt bleiben muss. Nur so kann man die Kraft aufbringen, die selbst unter diesen Laborbedingungen notwendig ist, um Türen oder Fenster gegen den Wasserdruck zu öffnen. Hand in den Rahmen, Affengriff.

Der Trainingseffekt: Fehler erkannt und korrigiert

Zweiter Schlag aufs Knie: aussteigen. Ich nehme die Hand aus dem Rahmen und fummle am Gurtschloss. Mist. Fehler. Die Hand im Rahmen ist mein Kontakt nach draußen. Den zu verlieren kann vor allem bei Dunkelheit gefährlich sein. Atmen. Denken. Korrigieren. Rechte Hand wieder in den Türrahmen, linke zum Gurtschloss und „Klick“. Ich bin frei und kann mich mit der rechten flüssig aus der Tür ziehen. Im Auftauchen überkommt mich ein Gefühl der Zufriedenheit. Ich habe in dieser Situation überlegt reagiert, einen Fehler erkannt und korrigiert. Ziel erreicht. Als ich an die Oberfläche komme, klopft mir der Taucher auf die Schulter. „Gut gemacht und den eigenen Fehler bemerkt“, sagt er.

Als alle aus dem Becken sind und das Kommando zum Umziehen und Sammeln für die Auswertung ertönt, ist das wie eine Erlösung. Ein Blick in die müden Gesichter der Teilnehmer verrät, dass das gerade Erlebte an niemandem spurlos vorübergegangen ist. Aber sie strahlen auch eine Zufriedenheit aus – darüber, sich getraut zu haben und auf den Fall der Fälle jetzt besser vorbereitet zu sein.

aerokurier Ausgabe 08/2017

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