In Kooperation mit   flugrevue.de Logo
30.03.2017
Erschienen in: 03/2017  aerokurier

PorträtFluglotsin Judith Spörl und ihr Buch „Lena fliegt sich frei“

Mädchen auf der Schwelle vom Kind zum Teenager sind es, die sich zu gerne in Büchern vergraben. Allerdings wird ihre Literatur zumeist von Pferden, Feen und Fantasygeschichten beherrscht. Fluglotsin Judith Spörl will das ändern und hat mit „Lena fliegt sich frei“ das erste Mädchenbuch geschrieben, das vom Segelfliegen handelt.

ae 03-2017 Judith Spoerl (01)

Fluglotsin Judith Spörl hat ein Mädchenbuch geschrieben, das vom Segelfliegen handelt. Foto und Copyright: Robert Ratzer, Salzburger Nachrichten

Mädchen zwischen 10 und 15 lesen „Bibi und Tina“ oder „Conni“. Warum sollen sie bald auch Lena aus „Lena fliegt sich frei“ kennen?

Das ist eigentlich eine logische Folge: Zuerst galoppieren die Mädchen mit wehenden Haaren in den Sonnen-untergang, aber weiter kommen sie hier nicht, das Feld ist irgendwann zu Ende. Es wäre dann an der Zeit, wirklich abzuheben, wirklich zu fliegen, unendlicher Horizont, Freiheit, Wind und Wolken! Das passende Vokabular benutzen die Mädchen sowieso schon: Sowohl Pferd als auch Flugzeug sind vielleicht träge, gutmütig, verzeihen gerne Fehler oder sind hochsensibel und reagieren auf den kleinsten Wink. Die Mädchen werden wie bei Conni in ihrem Alltag abgeholt, und es wird ihnen ein Teil ihrer Welt erklärt. Mit Lena können sie außerdem über sich hinauswachsen und im wahrsten Sinne des Wortes Flügel kriegen!

Was hat dich zu deinem Buch inspiriert?

Ganz klar: meine Tochter und die Liebe zur Fliegerei! Ich schaffe es aus beruflichen und privaten Gründen seit Jahren nicht mehr, selbst aktiv zu fliegen – da baut sich schon eine Sehnsucht auf. Jetzt möchte ich das meiner Tochter natürlich auch vermitteln, die fand aber bisher Flugzeuge so spannend wie ich meine Steuererklärung. Ich habe ihr „Lena fliegt sich frei“ vorgelesen, da sie für dieses Buch noch ein bisschen zu jung zum Selbstlesen ist. Das Feedback war Musik in meinen Ohren: „Mama, wann fahren wir endlich auf den Flugplatz?“

ae 03-2017 Judith Spoerl (02)

Judith in ihrer aktiven Fliegerzeit – bei der Vorflugkontrolle. Foto und Copyright: FSG Elz

Was ist die Zielgruppe deines Buches – Flieger oder Nichtflieger?

Anfangs habe ich vor allem an die Nichtflieger gedacht. Ich werde immer so erstaunt angeschaut, wenn ich erzähle, was für ein Hobby oder welchen Beruf ich habe – eben weil so viele Mädchen gar nicht auf die Idee kommen würden, so etwas zu machen. Das finde ich total schade! Es gibt so wunderbare Berufe in der Luftfahrt, und schon beim Segelfliegen empfindet man so eine Freiheit und Unabhängigkeit, obwohl man nie alleine ist und im Team arbeitet. Das wollte ich weitertrommeln. Jetzt hat sich das Buch in den ersten Wochen aber gerade unter Fliegern total gut verkauft, auch hier greifen die Gemeinschaft und die verbindende Liebe zur Fliegerei – das hat mich echt umgehauen! Ich freue mich riesig darüber und hoffe, dass viel Feedback von den Mädels kommt plus tolle Bilder für die Homepage, um neuen Fliegerinnen den Mund wässrig zu machen.

Wie hast du die Arbeit an deinem Jugendbuch empfunden?

Es ist sehr spannend. Ich will ja den Mädchen etwas beibringen, lerne aber selbst in diesem Prozess so viel! Bis jetzt laufe ich überall offene Türen ein, alle unterstützen mich und finden die Idee gut. Learning by doing – das hat bei mir immer am besten funktioniert! Ich probiere es einfach, und da kommt so viel zurück. Das ist auch ein „Sich-frei-Fliegen“!

ae 03-2017 Judith Spoerl (03)

Judith im Cockpit. Foto und Copyright: Judith Spörl

Wie lief deine eigene fliegerische Karriere? Hast du Ähnliches erlebt wie Lena?

Mein Vater hat mich oft auf den Flugplatz mitgenommen, aber Feuer gefangen habe ich erst während eines Schüleraustauschs in Ohio. Der Gastvater hat mich bei Spitzenthermik in einen Twin Astir gesetzt und mich werkeln lassen. Ab da war die Sache klar. In den folgenden Ferien wurde ich am Feuerstein ausgesetzt und habe mich nach kurzer Zeit freigeflogen, da war ich 16. Der Feuerstein war mein heißgeliebtes Urlaubsziel, dort habe ich auch alle wichtigen Prüfungen inklusive Kunstflug abgelegt. Ein Highlight war auf jeden Fall das Fliegen in Australien nach dem Abitur. Lenas Geschichte ist nicht meine Geschichte, aber es stecken natürlich eine Menge Erfahrungen von mir darin.

Was hält dich seitdem vom
Fliegen ab?

Fliegerisch hatte ich leider eine Menge Pech in der folgenden Zeit. Ein schlimmer Autounfall mit einem uralten ASK  21-Anhänger hat mich etwas aus der Bahn geworfen. Dazu kamen Schichtdienst in meinem Job als Fluglotsin, pendeln – zu viel Zeit auf der Autobahn und zu wenig Zeit zum Fliegen!

Du bist Lotsin auf dem Tower in Salzburg und hast einen Arbeitsplatz mit bester Aussicht auf die Alpen. Reizt es dich nicht, mal wieder in den Flieger zu steigen?

Jetzt, wo meine Tochter älter wird, können wir, glaube ich, langsam gemeinsam durchstarten, und ich kann selbst endlich wieder segelfliegen. Ich freue mich schon sehr darauf! Ich bin immer extrem neidisch, wenn ein Segelflieger ganz im Süden unseres Zuständigkeitsbereiches auf der Frequenz reinruft und in 10 000 Fuß um eine Freigabe zum Queren des Luftraumes bittet. Im Hintergrund hört man dann oft das Vario piepen – das ist zum Haareraufen, wenn man gerade im Dienst festsitzt! Und diese Lentis bei Föhnwetterlagen …

Was hat sich verändert im Vereinsleben im Vergleich zu früher, als du in Lenas Alter warst?

Da kann ich aus den oben genannten Gründen nur raten. Die Kids haben durch das Internet mehr Vergleiche und sind sicher anspruchsvoller. Es steckt auch eine Menge Arbeit in der Vereinsfliegerei – ich weiß nicht, wie viele Kids das abschreckt, die ein gewisses Entertainment erwarten. Vielleicht ist auch die Daddelei auf Smartphones ein Problem für die Aufmerksamkeit am Flugplatz? Auf der anderen Seite können die Kinder sich so auch globaler vernetzen, werden vielleicht auch durch das Internet neugieriger, wollen was ausprobieren und trauen sich eher mal, aus dem sicheren Flugplatzbereich herauszufliegen. Das soziale Netz und die Kameradschaft auf dem Flugplatz sind auf jeden Fall heute wie damals durch nichts zu ersetzen und bieten mehr echte Freunde, Abenteuer und Spaß, als Facebook und Co es jemals könnten!

ae 03-2017 Judith Spoerl (05)

Die ASK 21 spielt in Judiths Buch eine Hauptrolle – als Schulflugzeug, mit dem die Protagonistin in die Luft geht. Foto und Copyright: Doreen Goedhardt

Wie kann man es schaffen, mehr Mädchen und Frauen für den Segelflug zu begeistern?

Bis Mädels 14 sind, haben sie schon eine Masse an Klavier-, Ballett-, Reit-, Fußball- und Kletterkursen oder Ähnliches hinter sich. Man muss sie einfach im passenden Alter mal in den Flieger setzen. Ich denke schon, dass da viele Feuer fangen würden. Es ist nur nicht bekannt, dass es das gibt: mit 14 Jahren ein Flugzeug fliegen! Welche Eltern wissen das schon? Viele scheuen zudem die angeblich extremen Kosten. Da ist viel Aufklärungsarbeit gefragt!

Wird Lena beim Fliegen bleiben? Werden wir einen zweiten Teil lesen dürfen?

Lena wächst natürlich mit. Wenn die Geschichte weiter auf so fruchtbaren Boden fällt und Interesse da ist, erzähle ich gerne weiter! Außerdem habe ich gehört, dass Jungs so was auch gerne lesen würden. Vielleicht könnte man das ja irgendwie verbinden?

Das Interview führte Helge Zembold

Teilen:


WEITER ZU SEITE 2:

1 | 2 |     
aerokurier bei aerokurier bei Facebook aerokurier bei Twitter aerokurier bei Google plus