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05.09.2017
aerokurier

Sea Survival: Nasses Notfalltraining

Ob Inselhopping oder der Sprung über den Großen Teich – Flüge über Wasser haben einen ganz eigenen Reiz. Bei Problemen wird das kühle Nass aber schnell zur tödlichen Gefahr. Wie man damit umgeht, lernen Piloten im Sea Survival Training.

Plötzlich ist die Panik da! Alles, was ich im Theorieunterricht gelernt habe, scheint vergessen. Kaum gerät meine Nase unter den Wasserspiegel, setzt das rationale Denken aus, schaltet der Körper stur und planlos auf Überlebenskampf um. Augen offen halten, orientieren – das hatten uns die Trainer eingeschärft. Die Hand in den Türrahmen, um den Kontakt nach draußen nicht zu verlieren, und dabei den „Affengriff“ machen, damit man sich bei einem plötzlichen Ruck den Daumen nicht auskugelt. Dann endlich der erlösende Schlag aufs Knie, das Kommando zum Ausstieg. Ich fummle mit der linken Hand das Gurtschloss auf und zerre mich vom Sitz. Nur raus, endlich raus. Mit dem Kopf stoße ich am Türrahmen an, aber dank Helm und meines weit über den Eichstrich ausschlagenden Adrenalinspiegels dringt das kaum zu mir durch. Einen Schwimmzug später bin ich an der Wasseroberfläche und schnappe nach Luft. Geschafft!

Zwölf Stunden zuvor sitze ich in illustrer Runde im Schulungsraum des Maritimen Trainingszentrums Wesermarsch in Elsfleth nahe Bremen. „Wir wissen, was auf euch zukommt“, sagt Tobias Schultze und kann sich ein süffisantes Grinsen nicht verkneifen. Schultze ist Berufsfeuerwehrmann und organisiert mit seiner Firma Fire & Safety Training in Kooperation mit Profitaucher Holger Heinemann für die AOPA das Sea Survival Training. Die Stimmung schwankt zwischen Ausgelassenheit und Vorfreude, und die Kennenlernrunde bringt Klarheit, wer mit welchen Vorerfahrungen aufwarten kann.

Da sind beispielsweise Rudy – der Wasser angeblich genauso sehr hasst wie ich – und sein Kumpel Wolfgang, ein erfahrener Fluglehrer. Beide sind schon gemeinsam nach Island geflogen. David und Josefine sind in etwa so alt wie ich und planen, ihre SR20 demnächst selber über den Atlantik in die USA zu fliegen, da David beruflich in die Staaten muss. Ernst und Gaby, offensichtlich die Ältesten im Kurs, sind mit ihrem UL auch schon mal offshore unterwegs, und Johannes, AOPA-Lehrgangsorganisator und ebenfalls Fluglehrer, kann mit 30 Jahren Segelerfahrung zumindest solide Basics in Bezug auf Wassergefahren vorweisen. Uns alle eint, dass wir mal gelernt haben, wie heikel eine Notwasserung ist und dass wir allenfalls Halbwissen anwenden können, sollte es dazu kommen. Uns eint aber auch, dass wir genau das ändern und uns von Profis die Kniffe zeigen lassen wollen, die im Fall der Fälle lebensrettend sein können.

„Ruhe bewahren!“ – das Mantra des Profis

Holger weiß genau, wovon er spricht, wenn er über Gefahren auf See referiert. Er hat rund 9000 Tauchgänge absolviert und lag einmal 20 Minuten eingeklemmt unter dem Kiel eines Fischkutters. Was immer passiert – Ruhe bewahren, so sein Mantra. Wie man ein Flugzeug notwassert, das könne er uns nicht erklären, gibt Holger offen zu. „Den Crash müsst ihr selber meistern. Aber die Technik und Taktik, um dann so lange wie möglich am Leben zu bleiben, die bringe ich euch bei.“

Unterkühlen, erfrieren, ertrinken – die drei Schlagworte auf seiner Powerpointfolie – norden die Runde gut gelaunter Himmelsstürmer merklich ein. Holger doziert über die Folgen von Kälteeinwirkung: Sinkt die Körpertem­peratur unter 36 Grad, gilt das als milde Hypothermie. Der Körper geht in ein Abwehrstadium: Man zittert. Die mittelgradige Hypothermie beginnt bei 34 Grad. Trägheit und Teilnahmslosigkeit kennzeichnen das sogenannte Erschöpfungsstadium. Unter 30 Grad beginnt die schwere Hypothermie, die Vitalfunktionen fahren komplett herunter, es kommt zur Bewusstlosigkeit.

Die Handlungsoptionen für den Fall einer überlebten Notwasserung jenseits karibischer Temperaturen beschreibt Holger mit der 1-10-1-Regel: „Die erste Minute nach dem Eintauchen in kaltes Wasser wirkt der Kälteschock: Ihr hyperventiliert, die Herzfrequenz steigt, und ihr könnt die Luft nicht länger als zehn Sekunden anhalten. In dieser Zeit gilt es, über Wasser zu bleiben und nicht in Panik auszubrechen.“ Irgendwer murmelt etwas wie „leicht gesagt“ oder so. „Die Atmung beruhigt sich wieder. Plant währenddessen die nächsten Schritte. Anschließend habt ihr etwa zehn Minuten nutzbare Kraft und Mobilität für die Selbstrettung, also um in eine Rettungsinsel oder auf ein Wrackteil zu klettern. Jeder Zentimeter außerhalb des Wassers erhöht eure Überlebenschance! Sichert euch dort so weit wie möglich, vertraut nicht auf das Festhalten. Schließlich bleibt euch etwa eine Stunde nutzbares Bewusstsein, in der ihr allenfalls noch eine wärmehaltende Körperposition einnehmen könnt.“

Lange Gesichter in der Runde. Das hat gesessen. Und dabei ging es noch nicht einmal ums Ertrinken, also das, was man am ehesten mit einer Notwasserung verbindet. Ertrinken, erklärt Holger, würde man einerseits, wenn man keine Rettungsweste trägt und vor Erschöpfung die Atemwege nicht mehr über Wasser halten kann. Andererseits droht auch von der Gischt aufgepeitschter Wellen Gefahr: „Wenn man über längere Zeit diesen Wassernebel einatmet, dann reichert sich das in der Lunge an und man ertrinkt auch“, erklärt Holger. Die Gesichter werden noch länger. Und auch wenn endlich Hilfe kommt, ist die Gefahr noch lange nicht gebannt. „Stark unterkühlte Personen müssen möglichst waagerecht geborgen werden. Richtet man sie auf, beispielsweise bei einer Helikopterbergung mittels Seilwinde und Achselgurt, strömt das kalte Blut aus den Extremitäten in den Kreislauf und kann einen plötzlichen Herzstillstand verursachen. Das nennt man passenderweise Bergungstod“, erklärt Holger. Na prima.

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